Freitag, 23. August 2019 15:26

Zitat des Tages...

„Zeit haben heißt: den Tod nicht fürchten“ (Japanisches Sprichwort)

 

Friedrich Eckhardt – passionierter Fotograf und Filmemacher

 

Der energische Mann mit der Kamera ist vielen Landsleuten sicher schon mal bei verschiedenen russlanddeutschen Veranstaltungen aufgefallen, sei es in Berlin, Hamburg, Wiesbaden oder Stuttgart. Ich bin dem Kameramann und Filmemacher Friedrich Eckhardt erstmals bei den Feierlichkeiten der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Berlin begegnet und ihn näher kennen gelernt – ein wechselvolles Schicksal eines deportierten Wolgadeutschen, das exemplarisch für Tausende ähnliche Biografien steht, und dennoch einzigartig ist.

 

Sein Großvater Heinrich Eckhardt in der Kolonie Krasnojar an der Wiesenseite der Wolga hatte zehn Kinder, sein Vater Jakob (geb. 1911) war das dritte Kind der Familie. Später heiratete er Maria Ritter (geb. 1913) aus dem gleichen Dorf. Auch Friedrich selbst kam 07.02.1935 in Krasnojar zur Welt.

 

Er war sechs, als die Familie im Zuge der Deportation der Wolgadeutschen in Sibirien landete – eine Sowchose im Rayon Tschany (Gebiet Nowosibirsk) war der vorläufige Bestimmungsort. Der Vater, der vor dem Krieg als Schlosser arbeitete, wurde kurz darauf in die Arbeitskolonne mobilisiert: zunächst bei Swerdlowsk, danach zur Wiederaufbau der zerbombten Betriebe in Dnepropetrowsk. Auch die Mutter musste zur Zwangsarbeit, wo sie in einer Minenfabrik bei Nowosibirsk schuftete.

 

Die Kinder, Friedrich und die zwei Jahre jüngere Schwester Maria, mussten bei der Großmutter väterlicherseits unterkommen. Als Maria 1944 die Nachricht vom Tod ihrer Schwiegermutter bekam, erbettelte sie sich einen Urlaub, um die endgültig verwaisten Kinder unterzubringen. Dafür bekam sie nur drei Tage Zeit, die ihr letztendlich nicht ausreichte – sie konnte erst mit Verspätung zurückkehren. Daraus wurde ihr vom NKWD-Militärtribunal ein Strick gedreht, Maria Eckhardt wurde für sieben Jahre Arbeitslager im Taischetlag, Gebiet Irkutsk, verurteilt.

 

Nach dem Tod der Großmutter wohnten Friedrich und Maria eine Weile bei ihrer Tante Anna, die zur Zeit der Mobilisierung erst 14 Jahre alt war. Dennoch arbeitete sie bereits wie eine Erwachsene als Melkerin auf der Farm, auch befanden sich immer wieder Kinder ihrer mobilisierten Verwandten in ihrer Obhut.

 

Als die Mutter 1945 wie durch ein Wunder frei kam, war Friedrich zehn und die Schwester Maria acht – beide befanden sich in einem Kinderheim. Nach dem Krieg kehrten auch viele Väter einer nach dem anderen zurück. Auf Jakob Eckhardt wartete die Familie vergeblich – er hatte eine neue Familie gegründet.

 

Friedrich erwies sich als musikalisches Talent. Nach Gehör lernte er Ziehharmonika, Bajan, Gitarre und Balalaika spielen. Der Alltag stellte jedoch andere Forderungen. So ließ er sich vorerst zum Traktoristen ausbilden, später kamen noch Berufe wie Kombineführer, Mechaniker und LKW-Fahrer hinzu. Nach der Aufhebung der Kommandanturaufsicht zog es Friedrich in das Dongebiet, wo er auch geblieben ist. 1958 heiratete er die örtliche Schönheit Raja, arbeitete als Fahrer in Salsk (Gebiet Rostow/Don) und absolvierte die Abendschule.

 

Auch seine musikalische Begabung wollte er auf keinen Fall auf den Nagel hängen – nach der Musikschule schwebte ihm ein Fernstudium an der Moskauer Gnessin-Musikfachschule vor. Allerdings war die Voraussetzung für die Prüfung – klassische Werke an einem Konzertbajan vortragen können. Friedrich hatte zu der Zeit bereits zwei kleine Kinder. Ein teures Musikinstrument konnte er sich nicht leisten, ebenso wenig die Reisen nach Moskau zu den Zwischenprüfungen. Ein Ausweg fand sich dennoch: Er absolvierte eine Musikfachschule im benachbarten Elista/Kalmückien mit Auszeichnung und arbeitete zuerst als Musiklehrer, seit 1972 dann als Leiter der Musikschule im Dorf Proletarskoje in der Nähe von Salsk.

Zu der Zeit meldete sich sein verschollener Onkel – aus München. Auf seine Einladung besuchte Friedrich zum ersten Mal das Land seiner Vorfahren. Von dieser Reise brachte er ein teures Geschenk mit – eine professionelle Kamera „Akfa“ aus deutscher Produktion. Friedrich begeisterte sich so leidenschaftlich für Fotografie, dass die Musik für eine Zeitlang in den Hintergrund trat. Er richtete ein Fotolabor zu Hause ein, studierte Fachliteratur und eignete sich nach und nach immer mehr Finessen der Lichtkunst Fotografie an.

 

Ebenso wie in der Musik hatte Friedrich auch für die Fotografie ein glückliches Händchen und das richtige Augenmaß – er konnte Unsichtbares sichtbar machen. Schon bald wurden seine Bilder in der örtlichen Zeitung veröffentlicht, sein Talent führte ihn kurz darauf in die Redaktion als ehrenamtlicher Fotokorrespondent. Im Auftrag der Zeitungsredaktion absolvierte er einen zweijährigen Lehrgang an der Moskauer Volksuniversität als Fotojournalist und arbeitete nach 1977 im Pressewesen des Nordkaukasus. Zwischendurch beteiligte er sich auch an Fotowettbewerben und landesweiten Fotoausstellungen.

 

Mit der Zeit entdeckte Friedrich ein anderes Tätigkeitsfeld für sich, das sein Leben bis heute mitbestimmt. Dokumentarfilme drehen – zuerst in schwarz-weiß, später auch in Farbe zu machen – entwickelte sich zur großen Leidenschaft. Der mechanischen 16mm-Filmkamera „Krasnogorsk-5“ folgte die digitale „Sony“-Kamera. Seine erste Dokumentation beschäftigte sich mit der Geschichte der roten Reiterarmee von Budjonny. Zu seinen späteren Dokumentationen gehörten namhafte Wissenschaftler und andere bekannte Persönlichkeiten. Drehbücher für seine Dokumentationen verfasste er selbst, das Filmmaterial hinterlegte er mit Musik von Bach, Beethoven, Schubert oder Strauß. Eine hilfreiche Stütze war ihm stets seine Ehefrau, die dem Film durch ihre Stimme noch mehr Leben einhauchte. Friedrichs Archiv zählt mehr als 40 Dokumentarfilme noch aus der Zeit vor „Perestroika“.

 

Die aufkommende „Wiedergeburt“-Bewegung, die die Wiederherstellung der Autonomie an der Wolga proklamierte, verfolgte Friedrich Eckhardt nicht nur mit der Kamera. 1990 organisierte er ein Treffen der Russlanddeutschen aus der Stadt und Umgebung, es kamen Landsleute aus Rostow/Don, Krasnodar und anderen Orten. Der überfüllte Saal im Kulturhaus der Eisenbahner lauschte bis spät in die Nacht einem Konzert auf Deutsch, stehend sangen alle die in Vergessenheit geratenen deutschen Lieder mit Tränen in den Augen mit – die Stimmung war unvergesslich! Friedrich filmte den Auftritt des Ensembles „Blick“ aus dem deutschen Dorf Podsosnowo/Altairegion. In Moskau filmte er auch alle Kongresse der Russlanddeutschen, das sämtliche Fotomaterial befindet sich in seinem Privatarchiv. Etwa 400 Fotodokumente stellte er bereits für historische Publikationen allerhand Art zur Verfügung.

 

Trotz aller Hoffnungen entpuppte sich der Traum von der Autonomie an der Wolga als Utopie und herbe Enttäuschung – die massenhafte Auswanderung in das Land der Vorfahren war nicht mehr aufzuhalten. Auch Friedrich Eckhardt kam Mitte 1995 mit Familie nach Deutschland, zuerst nach Bramsche und dann in die Stadt Bohmte bei Osnabrück, wo sie bis heute wohnen. Auch ihre beiden Kinder sind in Deutschland. Die Tochter, eine gelernte Geschichtslehrerein, arbeitet im Altenheim. Der Sohn ist Staplerfahrer in einer Fima, in der Freizeit widmet er sich der Schwerathletik. Die Eckhardts freuen sich über fünf Enkel und vier Urenkel. Die Sehnsucht nach der alten Heimat seiner Eltern führte Friedrich in den vergangenen Jahren immer wieder an die Wolga, wo er auf Spuren der Vorfahren viele Orte bereiste und die noch sichtbaren Spuren des Deutschtums filmte. Inzwischen war er in Krasnojar, wo das Haus seines Onkels noch steht, in Saratow, in Engels und anderen Orten.

 

Dabei entdeckte er für sich ein Thema, das ihm als Fotograf und Kameramann zahlreiche glückliche Momente bescherte – die Geschichte der Russlanddeutschen. Auch dazu hat er mehrere Dokumentationen geschaffen. In Engels filmte er 2011 die Eröffnung des Denkmals „Den Russlanddeutschen – Opfern der Repressionen in der UdSSR“. In Saratow drehte er einen Film über das Treffen der Russlanddeutschen anlässlich 250 Jahre n Katharinas Manifest, in Marx die Eröffnung des Katharina-Denkmals. In Deutschland filmte er während des Treffens der Veteranen der „Wiedergeburt“-Bewegung. Auch ein Film über Russlanddeutsche, die aus dem Wolgagebiet nach Kanada und Argentinien auswanderten und immer noch ihre „wolgadeutsche“ Mundart sprechen, findet sich in seinem umfangreichen Archiv. Derzeit dreht Eckhardt eine Dokumentation über kreative Menschen aus der Reihe der Russlanddeutschen: Historiker, Bildhauer, Autoren, Musiker oder Schauspieler. Auch eine historische Dokumentation über die Trudarmisten schwebt ihm vor. Zu Friedrichs Freizeitbetätigung gehören außerdem Radfahren, Angeln, Gedichte schreiben und Musik. Noch vor kurzem war er auch politisch aktiv als CDU-Mitglied.

 

Am 7.11.2017 feierte das Ehepaar Eckhardt seinen 60. Hochzeitstag im Kreise seiner Familie und Freunde. Auch mit 82 ist Friedrich Eckhardt ein unermüdlicher Enthusiast und Romantiker. Dass die Russlanddeutschen nicht mit einer Stimme sprechen, macht ihn traurig. Nur gemeinsam sind wir stark, gemeinsam können wir uns Gehört in der Politik verschaffen – so seine Überzeugung.

 

Reinhold Schulz, Nina Paulsen

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