Rd-Senat Bundesweites Vertretungsgremium von Russlanddeutschen GBR
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Aktuelles aus Regionen

Zitat des Tages...

„Zeit haben heißt: den Tod nicht fürchten“ (Japanisches Sprichwort)

Erinnert ihr euch nicht daran, daß ich
euch dies sagte, als ich noch bei euch war?
Und ihr wißt, was ihn noch aufhält, bis
er offenbart wird zu seiner Zeit.
Denn es regt sich schon das Geheimnis
der Bosheit; nur muss der, der es jetzt noch

aufhält, weggetan werden…

 2. Thessalonicherbrief des Apostels Paulus; Kapitel 2, Verse 5-7

 


Albrecht Dürer
Ritter, Tod und Teufel

 

Berliner Treffen der Querdenker-711-Bewegung 
29. und 30. August 2020 / Hintergrundbericht

Berlin – Woodstock und zurück

„Frieden … Liebe …“ Wie Donnerhall braust es um die Berliner Siegessäule. Ich komme mir vor, als sei ich auf einer Zeitreise nach Woodstock. „Freiheit … Anstand … Mündigkeit …“ Blumenbekränzte Frauen und muskelbepackte Männer rufen diese Schlüsselworte in den blauen Berliner Himmel hinaus. Alle Altersgruppen sind beteiligt. Tanzend bewegen sie sich zum Trommelwirbel. Ein wogendes Meer aus Klängen und Rhythmen ist das. Kinder spielen auf dem Rasen. Sogar Schulkinder aus der Schweiz haben ihren Auftritt auf der Bühne: Sie loben den maskenfreien Unterricht, den sie in ihrer Heimat genießen dürfen.

Jugendliche lassen Luftballons in Herzform aufsteigen. Seniorinnen und Senioren wiegen sich in den Farben des Regenbogens. Sind das die geläuterten 68er, umwoben von Lebensweisheiten und philosophischen Einsichten? Sie haben dieses gewinnende, einladende Lächeln auf dem Gesicht. Dem kann ich nicht widerstehen. Zu entschlossen und unverdrossen, zu rein und heiter sind diese lieben Leute, als dass ich sie übersehen könnte oder missachten dürfte.

Energisch kämpfen die Redner für unveräußerliche Grundrechte. Diese dürften durch den Infektionsschutz nicht aufgehoben werden, fordern sie. Von einem Notstand, der eine solche Einschränkung rechtfertigen würde, wollen sie nichts wissen. Stattdessen proklamieren sie: „Menschenwürde bricht Maskenpflicht“, „kein Zweck heiligt die Mittel“, „Impfpflicht ist Körperverletzung“, „lieber erschießen lassen, als sich zum Impfen zwingen lassen“.

Sind das nur Worte, die sie ausrufen an diesem letzten Samstag im August? Oder ist es eine Botschaft? Weil Wahrheit, Glaube und Hoffnung dahinter stecken? Und wenn es wirklich ernst gemeint ist – worin besteht dann die Probe aufs Exempel? Also dann, wenn es brenzlig wird?

Zum wiederholten Mal will die Polizei die Großversammlung auflösen. Der Grund: Angeblich werden die Abstandsregeln nicht eingehalten. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, als der aus Ghana stammende Kölner Rapper Nana – er hat eben noch schwungvoll auf dem Podium moderiert und zum Protest gegen Rassismus aufgerufen – in Handschellen abgeführt wird.

Das geschieht anlässlich einer Nachversammlung am Sonntag. Einzelne Unterstützer machen Anstalten, mit ihren Fäusten dagegen zu halten. Doch dann, neben Buhrufen und einem gellenden Pfeifkonzert, erschallt aus Tausenden von Kehlen der Ruf: „Angst macht krank … Keine Gewalt …“ Und dann wird noch eins draufgesetzt. Die Polizisten werden zum friedlichen Überlaufen aufgefordert: „Kommt zu uns!“

Ist das nicht wie Musik in den Ohren? Zeitlose Tugenden der Bergpredigt werden zum Leitmotiv einer riesengroßen Schar von Widerstandsleuten erkoren. Die Parolen kommen anscheinend von Herzen. Sind sie nicht unvergleichlich wärmer und glutvoller als die formelhaft gestanzten Worthülsen mancher Politiker? Die preisen die EU als die beste aller möglichen Welten und beschwören die Unverzichtbarkeit der NATO. Hier an der Siegessäule aber ist etwas Größeres als die westliche Wertegemeinschaft zu erleben. Hier geht es um die Menschheit. Hier keimt die zarte Hoffnung auf, dass die Verdunkelung der Vernunft bald ein Ende hat. Leuchtet nicht schon ein neues Licht der Aufklärung? Diesmal allerdings nicht von Westen, sondern von Osten.

Die Lautstärke im weiten Rund des Platzes und aus den umliegenden Straßen schwillt an, bis daraus ein Orkan wird. Doch urplötzlich tritt gesammelte Stille ein. Meditation ist angesagt. Eine feierliche Spannung überall. Schilder mit Porträts von Mahatma Gandhi werden wie bei einer Prozession umher getragen. Wie eine Verbrüderung zwischen Asien und Europa kommt mir das vor. Die literarische Begleitmusik, die dazu passt, kommt aus Weimar. Von dort grüßt der Dichterfürst Goethe mit seinem west-östlichen Diwan.

Auf der Berliner Versammlung höre ich den ganzen Tag kein einziges Wort, das sich gegen den Islam richtet. Stattdessen setzen sich zwei freikirchliche Prediger umso lautstärker für Versöhnung ein. Feuer und Flamme sind sie für die Bewegung des Friedens. Jesus Christus rufen sie als Erlöser und Befreier der Völker an. Langsam beten sie mit der Menge das Vaterunser. Es ist überwältigend kraftvoll und schön.

Man muss nicht an die komplizierten Corona- oder Impftheorien der Protestleute glauben, um mit ihnen zu feiern, zu tanzen, zu beten. Und das Beste: Man muss gar nicht viel schaffen und machen. Sondern wird ganz einfach getragen von dieser Strömung der Liebe und der Kraft.

Im Heerlager der Querdenker

Das beinahe grenzenlose Wohlwollen der Corona-711-Querdenker spüren auch viele Nationalisten. Sie suchen ein Dach, wo sie unterschlüpfen können. In der Berliner Versammlung meinen sie, fündig geworden zu sein. Aber passen sie wirklich hierher? Gibt es einen Schlüsselbegriff, in dem sich deutschnationale und gesundheitspolitische Querköpfe treffen – trotz aller ihrer weltanschaulichen Gegensätze? Wie lautet der gemeinsame Nenner?

Das ist der Friede. Und zwar nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Völkern. Nach dem zweiten Weltkrieg sei kein Friedensvertrag zwischen den verfeindeten Kriegsparteien zustande gekommen. Sondern nur eine Kapitulation samt nachfolgender provisorischer Gründung zweier Nachfolgestaaten des deutschen Reiches. Trotz deren Vereinigung sei eine schmerzliche Lücke geblieben. Um die zu schließen, müsse jener Vertrag endlich nachgeholt werden. Geschehe dies, könnten Gestaltungsformen des ursprünglichen Reiches wieder in Kraft gesetzt werden. So lautet die Hoffnung einiger dieser Patrioten, mit denen ich ins Gespräch komme.

In den Präsidenten Trump und Putin sehen sie heimliche Verbündete ihrer Erwartungen. Besonders zu Russland soll es in Zukunft wieder ebenso herzliche Beziehungen geben, wie es zu Fürst Bismarcks Zeiten der Fall war. Der russische Bär und der preußische Adler seien sowieso natürliche Verbündete. In Hoffnung darauf schwenken diese vaterländischen Menschen fleißig die schwarz-weiß-rote Flagge des deutschen Kaiserreiches. Soweit ich beobachten kann, bilden sie eine wohlgelittene Teilmenge der Versammlung, prägen ihr aber keineswegs den Stempel auf.

Denn die Gemeinschaft unter der Siegessäule ist denkbar weit und bunt. Sie sprengt beinahe jede Grenze. Unzählige deutsche, russische, schwedische, daneben schweizerische, österreichische, niederländische, italienische, israelische und nicht zuletzt US-amerikanische Flaggen erzeugen ein fesselnd farbenfrohes Bild in der goldenen, spätsommerlichen Sonne. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Ist das nicht wie in einem brandneuen Abenteuerfilm, der uralte Mythen wahr werden lässt und sie einbaut in ein tragfähiges Modell der Zukunft?

Ist das der entscheidende Kick, um endlich auszusteigen aus bürgerlicher Engherzigkeit und Kleinkariertheit? Sollte ich nicht den Versuch wagen, es den Demonstranten gleichzutun? So dass wir uns zusammen freischwimmen? Obwohl es vermutlich nur ein Stück weit gelingt: Wann beginnen wir ein gemeinsames Training als Mut-Schwimmer gegen den Strom? Der ideelle Nutzen dürfte gewichtiger sein als der mögliche Schaden, den die eigene Position in der Gesellschaft erleiden könnte. Und wer weiß? Womöglich wird aus dem Berliner Stückwerk wider Erwarten doch noch etwas Rundes und Ganzes ...

Was unter der Siegessäule so vielfältig und schöpferisch abläuft, könnte wirklich das Zeug haben zu einem großen Wurf. Was hier abgeht, ist das Gegenteil jener staatlich verordneten Rahmenerzählungen, die landauf landab verbreitet werden und gähnende Langeweile hervorrufen. Hier unter der Siegessäule fühlt man sich frei von jenem hochmoralischen Druck, den die Oberlehrer der Zivilgesellschaft aufbauen mit sauertöpfischer Miene. Hier ist man unbeeinflusst von jenen Stichwortgebern in Presse, Funk und Fernsehen, die mit ihren Phrasen bloß noch nerven. Was hier passiert, ist unabhängig von den offiziellen Gesundheitsaposteln, die päpstlicher reden als der Papst.

Hier schweißt ein inniger, liebevoller Zusammenhalt die Truppe zusammen. Hier herrscht ein naturwüchsiges Gemeinschaftsgefühl, das geradezu dem Zeitalter von Romantik und Wandervogel entsprungen sein könnte. Diese Solidarität ist energiereicher, wärmer und dichter als die der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, die durch ein formalistisches, mitunter künstlich aufgebauschtes Regelwerk erzeugt wird.

Entfremdung

Als wohlwollend neutraler Beobachter tauche ich am 29. und 30. August in die gemeinschaftliche Aura derer ein, die die Welt durch ihr geschärftes Brennglas wahrnehmen. Dass aus diesem Blickwinkel eigenwillige oder einseitige Weltanschauungen entstehen, weiß ich. Nicht ohne Grund wird Corona-Leugnern vorgeworfen, in einer geschlossenen Filterblase zu sitzen. Noch schwerer wiegt der Vorwurf, sie benähmen sich wie eine Sekte.

Sollte dem so sein – ist es dann der Mühe wert gewesen, dass ich extra wegen dieser Versammlung die Reise von Schaffhausen auf mich genommen habe? Zweifel steigen auf. Etliche Bedenkenträger laufen mir über den Weg. Was sie sagen, klingt zunächst vernünftig – und verstärkt meine Zweifel an der ganzen Sache. Was mich dann aber zunehmend nervt, ist ihre Selbstgefälligkeit. Im Brustton des Besserwissers tun sie die Berliner Demo als schwärmerisch, rechtslastig, ja faschistisch ab. Geprägt von Sprach- und Denkmustern staatsnaher Medien, steigern sie ihren Redeschwall und malen die Versammlung in den schwärzesten Farben. Was sie von sich geben, kommt von oben herab. Es wirkt autoritär, bedrohlich, einschüchternd.

Und das stört mich dann doch sehr. Da stehen mir die Demonstranten trotz ihrer teils skurrilen Ansichten menschlich einfach näher. Sie schildern mir eindringlich die Schikanen und inneren Verletzungen, die sie zu ertragen haben. Bestenfalls würden sie bemitleidet, meist geschnitten, oft sogar verachtet: „Igitt, was für verantwortungslose, unbelehrbare Leute seid ihr doch!“ Und das sei noch harmlos gegenüber dem, was sie sonst zu hören bekämen. Selbst der Berliner Innensenator habe sich nicht beherrschen können und sie mit Schimpfworten bedacht.

Ich kann das nicht nachprüfen. Ich spüre aber folgendes: Aus den verbalen Entgleisungen folgt eine Entfremdung, die sich scheinbar unaufhörlich steigert. Sie beruht auf Gegenseitigkeit. Bei der gesellschaftlichen Mehrheit wächst das moralische Überlegenheitsgefühl bis fast ins Unendliche – zumal man die geballte Staats- und Medienmacht auf der eigenen Seite weiß.

Was aber geschieht auf der anderen Seite? Die Leute zweifeln oder verzweifeln an unserer Demokratie, an die sie früher glaubten – und von der sie hernach bitter enttäuscht wurden. Tiefes Misstrauen frisst sich fest. Das wieder aus der Welt zu schaffen, hat bisher keiner geschafft. Es richtet sich gegen das selbstzufriedene staatstreue Bürgertum, das Maßnahmen und Machenschaften seiner eigenen Eliten anscheinend nicht durchschaut – oder absichtlich übersieht.

Für umso wachsamer halten sich die Demonstranten. Ihr gefühlter Märtyrerstatus lässt sie innerlich erstarken. Aus ihrem Leidensdruck entsteht ein Opfermythos. Sie schließen ihre Reihen im Geist von Widerstand und Erneuerung.

Neubeginn mit Schmerzen

Die Demonstranten führen ständig die Grundrechtsartikel des Grundgesetzes im Munde. Zugleich wollen sie nach Artikel 146 ebendieses Grundgesetzes handeln, und das heißt: Eine neue, nun wirklich gesamtdeutsche und zukunftsweisende Verfassung möge entstehen. Zu diesem Zweck soll umgehend eine verfassungsgebende Versammlung einberufen werden.

Einige Heißsporne wollen nicht aus Berlin weichen, bis Schritte in diese Richtung eingeleitet sind. Sie kündigen ein Dauercamp im Berliner Tiergarten an. Auf der Tribüne schlagen die Redner revolutionäre, antikapitalistische Töne an: Das neue Deutschland soll auf genossenschaftlicher Grundlage aus der Taufe gehoben werden, nachdem die Macht der Großkonzerne gebrochen ist.

Man könnte die Gegenfrage stellen: Was soll das Ganze? Ist euch das derzeitige Deutschland nicht gut genug? Oder habt ihr wirklich eine Schwachstelle oder Sollbruchstelle im Gefüge der BRD entdeckt, die so schlimm ist, dass sie nur durch einen Neustart behoben werden kann? Oder seid ihr einfach unzufrieden mit dem derzeitigen Personal an der Spitze des Staatswesens?

Heftig wird ausgeteilt gegen das „Regime“. Die als Schreckensgestalt unsichtbar allgegenwärtige Frau Bundeskanzlerin würden sie am liebsten durch sofortige Neuwahlen stürzen. „Merkel muss weg.“ Aus Zehntausenden von Kehlen erschallt dieser Ruf, der sich durch ein kilometerlanges Echo geradezu unheimlich verschärft.

Es ist der wuchtigste, heftigste und wildeste Gefühlsausbruch, den ich an diesem Nachmittag mit Erstaunen und Erschauern wahrnehme. Ich habe keine verstandesmäßige Erklärung dafür. Ich kann nur erahnen, woran das liegen könnte. Es kommt mir vor, als entsteige den Urtiefen des Volkes ein Geist der Gemeinschaft, der die Massen eint und ihnen ein Feindbild zur Verfügung stellt, an dem sie ihre Energien abarbeiten können. Dieser Energieausbruch erfolgt offenbar mit innerer Notwendigkeit. Kollektive Gefühle sind nun einmal ein Teil unserer Wirklichkeit. Es bringt nichts, wenn man sie moralisch abqualifiziert oder gar dämonisiert. Die Wächter der political correctness mögen noch so hochtrabende Belehrungen und Ermahnungen an die Leute richten – es nützt natürlich nichts. Das macht ihre Wut nur noch heftiger.

Höhepunkte

Wie viele sind überhaupt zusammengekommen? Die Behörden beziffern ihre Zahl auf 38 000. Das werden diejenigen sein, die direkt an der Siegessäule und in den angrenzenden breiten Straßen versammelt sind. Das ist der harte Kern. Das ist die Stammkundschaft.

Die Organisatoren der Versammlung gehen jedoch von sehr viel höheren Zahlen aus. Sie beziehen die Laufkundschaft mit ein. Also Sympathisanten und sonst wie Interessierte bis hin zu neugierigen Passanten auf allen jenen Plätzen und Straßen im Zentrum Berlins, wo Stände oder Podien aufgebaut sind. Angemeldet ist ja eine Vielzahl ähnlich ausgerichteter Veranstaltungen. Auf diese Weise kommt die Schätzung zustande, dass mehrere Hunderttausend Menschen mit von der Partie sind als Unterstützer, Zaungäste, Beobachter.

Die schiere Menge der Teilnehmer und die eindrucksvollen Auftritte der Redner – allen voran der Umweltaktivist Robert F. Kennedy Jr., Neffe des legendären US-Präsidenten – hat etwas Großartiges und Sympathisches an sich. Als Kennedy die berühmten Worte seines Onkels wiederholt: „Ich bin ein Berliner“, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Hier und heute formiert sich eine Großgruppe von beeindruckender Zahl, Kraft und Selbstbewusstsein. Hier und heute ist eine „kritische Masse“ am Entstehen, die das gesellschaftliche Gefüge aus dem Gleichgewicht bringen, zeitweise sogar kippen könnte. Und wir sind Zeugen davon.

Wie wirkt das auf der anderen Seite? Was ist mit der Antifa? Tritt sie überhaupt in nennenswerter Zahl auf? Dort, wo sie das tut, kann sie dennoch das Gesamtbild nicht prägen. Und was ist bloß los mit den für Berlin typischen linksliberalen Meinungsmachern, die den Zeitgeist so ideal und perfekt abbilden? Ihre übermächtige Führungsstellung wirkt an diesem Wochenende wie angekratzt. Sie wird durchbrochen. Oder zumindest unterbrochen.

Wo bleiben sie nur, die Anwälte der kühl berechnenden, allseits wachsamen Vernunft? Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und andere zivilgesellschaftlichen Mitspieler, die sonst bei jeder Gelegenheit ein Bündnis gegen die Feinde der Demokratie schmieden – haben sie an diesem Wochenende Urlaub genommen? Durch ihre gefühlte Abwesenheit geben sie ein Vakuum frei, in das die Protestierer vorstoßen. Ausgehend von der Siegessäule und vom Brandenburger Tor prägen sie das Stadtleben. Zumindest am Samstagnachmittag verschaffen sich die alternativen Kräfte einen ausgezeichneten Platz an der Berliner Sonne.

Tiefpunkte

Damit fangen die Probleme aber erst richtig an. Am Samstagabend scheint Berlin trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen Augenblick lang in den Bann finsterer Mächte zu geraten. Es handelt sich um eine Aktion auf den Treppen des Reichstages. Die ist innerhalb der Protestbewegung hoch umstritten und wird von der Demonstrationsleitung rundheraus abgelehnt. Wie hat es trotzdem dazu kommen können?

Die Sicherheitsleute sind einen Wimpernschlag lang unaufmerksam. Kurzzeitig verbleiben nur drei Polizisten am Eingang des Parlaments, während sich ihre Kolleginnen und Kollegen entfernteren Aufgaben zuwenden. Das wirkt wie eine Einladung an etwa 400 buntgemischte Demonstranten, die sich auf Vorplatz aufhalten.

Sie lassen sich zusätzlich anlocken von den Sirenenklängen einer Heilpraktikerin, die sich wohl zuvor schon medienwirksam auf der Treppe positionieren konnte. Sie ruft zu einer friedlichen Hausbesetzung auf. Sie tut das mit der seltsamen Begründung, US-Präsident Trump sei in Berlin gelandet, und das sei ein Signal zum Aufbruch.

So schräg das klingt, so wirksam ist es. Viele fallen darauf herein. Durchbrechen die Absperrgitter. Tummeln sich nach Herzenslust auf der Freitreppe des berühmtem Gebäudes. Freuen sich über ihre fahnengeschmückte Präsenz am geschichtsträchtigen Ort. Immerhin stammt das Bauwerk ja aus der späten Kaiserzeit. Ihre Freude ist von kurzer Dauer. Rasch eilt polizeiliche Verstärkung herbei und macht dem Spuk ein Ende.

Ab Samstagabend stehen dann Bilder und Texte über einen in letzter Sekunde verhinderten „Sturm auf den Reichstag“ an vorderster Stelle in den Medien. Was folgt daraus? Ein Umbruch und Umschwung, der zu Lasten der Protestbewegung geht. Der friedliche Flower-Power-Eindruck vom Nachmittag ist wie ausgelöscht. Stattdessen wird die Gefahr eines brandgefährlichen Faschismus an die Wand gemalt, der wieder einmal vor den Toren Berlins stehe. Nicht nur ich frage mich: Sind das genau die Bilder, die man „brauchte“? Und zwar deshalb, um die gesamte Protestbewegung in ein schiefes Licht zu rücken? Diese Frage bleibt offen. Ebenso unbeantwortet bleibt die Frage, ob die zeitweise Abwesenheit der Sicherheitskräfte spontan erfolgte. Oder taktisch motiviert war?

Übrigens, am späten Abend treffe ich einige der verhinderten Reichstagsstürmer zufällig in einem Freiluftcafé auf der Prachtstraße Unter den Linden. Sie berichten kleinlaut von jener Heilpraktikerin, der sie mit Hurra gefolgt seien. Diese Frau sei eigentlich eine von ihnen, inzwischen aber „umgedreht“ worden. Das tumultuöse Treiben der Unruhestifter auf der Reichstagstreppe bekommt durch diese Aussage einen noch seltsameren Beigeschmack.

Zu allem Unglück hin hatten die Treppenbesetzer ja die eine oder andere Fahne des Kaiserreiches mitgeführt – wobei allerdings auch türkische und usbekische Flaggen gesichtet wurden auf den Stufen des ehrwürdigen Hauses. Was den Nebel, der über dem ganzen Geschehen wabert, zusätzlich vermehrt.

Ungleiche Gegenspieler

Was für eine flotte und zugleich nebulöse Mischung ist das also an diesem Berliner Wochenende! Das Ganze fängt locker und flockig an und endet im Tumult. Sind das alles zufällige, spontane Ereignisse? Zunächst wirken sie frisch, fromm, fröhlich und frei. Stellenweise naiv und unbeholfen. Einige beobachtete Merkwürdigkeiten lassen den Schluss zu, dass zu guter Letzt auch Schlapphüte ihre Finger mit im Spiel gehabt haben könnten.

Wie geht es weiter? Keiner weiß, in welche Richtung die Entwicklung geht. Das nächste Treffen ist für den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Konstanz geplant. Im esoterisch aufgeladenen Bodenseeraum könnten die alternativen Kräfte weiter erstarken. Schon jetzt ist es ganz erstaunlich, in welch kurzer Zeit es dem Stuttgarter Unternehmer Michael Ballweg gelungen ist, eine so enorme Zahl Gleichgesinnter um seine Querdenker-711-Bewegung zu scharen.

Und wie sieht es mit der staatstragenden, einflussreichen, erfolgsverwöhnten Zivilgesellschaft aus? Vermutlich erholt sie sich von dem Schlag, den sie an diesem Berliner Wochenende verpasst bekam. Und zwar ziemlich rasch. Sie hat ja einen unerschütterlichen Standortvorteil: Seit Gründung der Bundesrepublik 1949 und noch einmal verstärkt nach 1968 hatten ihre Vertreter eine halbe Ewigkeit lang Zeit, sich in buchstäblich jeder westdeutschen Stadt und Region, die sich dafür offen zeigte, zu entfalten und breitzumachen.

Mit der Zeit haben sie es geschafft, die Deutungshoheit in fast allen gesellschaftlich bedeutsamen Debatten zu erringen. Darum könnten sie sogar gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen. Mit der Folge, dass sie nun auch in jenen weiten Räumen der neuen Bundesländer Fuß fassen, wo bislang noch anders ausgerichtete Kräfte das Sagen haben.

Dank ihres Bildungsvorsprungs und ihrer finanziellen Möglichkeiten werden diese zivilgesellschaftlichen Akteure und Gruppen ihre soziale und kulturelle Vorherrschaft umso stärker ausbauen, je plumper und laienhafter ihre Gegenspieler vorgehen. Diese kommen wegen ihres naturwüchsigen Enthusiasmus und naiven Optimismus nur sehr schwer über ihre derzeitige Improvisationsstufe hinaus.

Ganz anders die Polizei. Sie wird künftig noch professioneller auftreten. Das schlaueste Fortbildungsmaterial und die bestmögliche Ausrüstung werden ihr zur Verfügung gestellt. Hinzu kommt eine noch engere Verzahnung mit den Diensten. Das ist ein geballter Machtzuwachs für die Sicherheitsorgane. Wer wird ihren strategischen Zielvorgaben und taktischen Finessen künftig gewachsen sein? Schon jetzt vermögen sie es durch ausgeklügelte Methoden, die am Rande der Legalität angesiedelt sind, ihre Gegenspieler alt aussehen zu lassen. Zunächst wird ein wenig Zuckerbrot verteilt und dann mit der Peitsche umso härter zugeschlagen.

Rückblick

Dazu ein Beleg vom Berliner Wochenende: Zunächst wird durch höchstrichterlichen Bescheid die Querdenker-Demo genehmigt. Die Auflagen, die die Richter festlegen, werden allerdings von der polizeilichen Einsatzleitung so engmaschig ausgelegt und durchgezogen, dass der erlaubte Umzug vom Brandenburger Tor zur Siegessäule erst gar nicht in die Gänge kommt. Die Absicht ist klar: Die zentrale Veranstaltung soll nicht noch dadurch aufgewertet werden, dass sich ein kilometerlanger Umzug auf die Siegessäule zubewegt im Triumph.

Worin bestehen die Maßnahmen im Einzelnen? Als sich die Leute in den Bereichen Friedrich-straße, Wilhelmstraße und Unter den Linden zum Abmarsch formieren wollen, sehen sie sich plötzlich von Absperrgittern eingezäunt. Auch Nebenstraßen sind verriegelt. Die Menschen sind von allen Seiten eingekesselt und auf engstem Raum zusammengepfercht. Sie können gar nicht den gesetzlich geforderten Mindestabstand von anderthalb Metern einhalten.

Und dieses „Vergehen“ – das durch die enge Absperrung geradezu provoziert wurde – wird von den Sicherheitskräften zum Anlass genommen, schließlich den ganzen Umzug abzusagen.

Mehrere Lastwagen, die mit Lautsprechern und einem bunten Unterhaltungsprogramm den Zug begleiten sollten, werden ebenso blockiert. Den Teilnehmern bleibt nichts anderes übrig, als sich zu zerstreuen. Auf verwinkelten Schleichwegen gelangen sie endlich doch noch in die Nähe der zentralen Kundgebung an der Siegessäule. Diese kann mit zweistündiger Verspätung beginnen.

Das sind also die höchst effektiven Spielchen der Behörden und ihrer Vollzugsorgane. Sie sitzen sowieso am längeren Hebel. Auf Ebene der Exekutive nutzen sie ihre Machtstellung konsequent, zumal weit und breit kein Gericht sie an der handfesten Umsetzung ihrer Vorhaben hindert.

Sollte sich diese Tendenz künftig verstärken, würden staatsferne Protestbewegungen noch mehr als bisher ins Abseits – oder sogar in den Untergrund – gedrängt. Sie stehen ja erst am Anfang ihrer Entwicklung. Sie können noch gar nicht jenes Maß an Professionalität erreicht haben, das es braucht, um sich auf Augenhöhe zu präsentieren.

Ausblick

Trotz aller Merkwürdigkeiten, die an diesem Wochenende passieren, wird doch ein klein wenig Geschichte geschrieben. Alle, die dabei waren, können später sagen: Am 29. August hat Berlin, hat Deutschland, hat Europa einen Anstoß bekommen. Oder soll man zutreffender sagen: Es war ein produktiver Rückstoß, der an diesem Tag erfolgte? Eine schöpferische Verzögerung?

Ja, so ist es: Die Dynamik der Zentralisierung und Globalisierung, die sich im staatlichen und gesellschaftlichen Geschehen der Bundesrepublik spiegelt – sie wurde geblockt. Gehemmt. Ein Stück weit abgebremst.

Ist es verwegen, in diesem Zusammenhang den 2. Thessalonicherbrief des Apostels Paulus zu zitieren? In Kapitel 2, Verse 5-7 ist die Rede von einer Kraft, die den Antichristen aufhält. Ich sage nicht, das gegenwärtige Deutschland sei antichristlich. Aber vielleicht bewegt es sich darauf zu? Und zwar im Zuge der Globalisierung und weltumspannenden Machtkonzentration? Ein ImpfChip könnte dazu führen, dass alle Bewohner eines Landes zentral erfasst – und damit kontrollierbar werden. Dass es eines Tages dazu kommen könnte, ist nicht wild herbeifantasiert. Das könnte sich als echte Bedrohung unserer Freiheit entpuppen.

Gegen solche denk- und vorstellbaren Entwicklungen kämpft die Querdenker-711-Bewegung. Auch wenn sie, anders als ihre Vordenker allzu optimistisch meinen, vermutlich keine nationale, geschweige denn internationale Wende herbeiführen kann – immerhin kann sie zum Sand im Getriebe derer werden, deren höchstes Ziel und Bestreben eben jene Zentralisierung ist.

Auch ein kleiner oder mittelmäßiger Beitrag, der den Antichristen aufhält, ist hoch angesehen in der oberen Welt. Der Vater und Schöpfer aller Dinge wird einst auf seine Weise dafür sorgen, dass unser blauer Planet umfassend neu geordnet wird. Dies wird geschehen im Zeichen des Kreuzes. In guter Hoffnung auf eine solche Entwicklung plädiere ich für einen entspannten und wohlwollenden Umgang mit Querdenkern und anderen Widerstandskräften, ohne die Mehrheitsgesellschaft außer Acht zu lassen.

Gottfried Spieth